AN(GE)DACHT

An(ge)dacht Februar / März 2018

Du musst nicht perfekt sein...

Einst lebten in einem Kloster sehr fromme Mönche, deren Herzens­wunsch es war, Gott in Liebe zu die­nen.

Die Mönche waren zufrieden und glücklich, bis auf einen Kummer, der sie immer wie­der ereilte: Keiner von ihnen konnte singen, und so blieb ihr Gesang ein einziges Ge­brummel.

Eines Abends lag vor dem Kloster ein jun­ger Mann - halb erfroren. Die Mön­che küm­merten sich um ihn, und bald kam er wie­der zu Kräften.

Während eines Abendgebets bemerk­ten die frommen Männer, welcher Schatz ihnen in dem Fremden zu Teil geworden war: Der junge Mann hatte eine göttliche Gesangs­stimme.

Ihr Herzenswunsch, Gott mit zauber­haften Tönen zu loben und zu preisen fand end­lich Erfüllung. Anstatt Ge­brummel nun herr­licher Gesang. Mit einem breiten Lächeln legten sich die Mönche an diesem Abend zur Ruhe.

Aber ihr Lächeln wurde bald getrübt.
Der Engel des Herrn erschien jedem der Mönche und sprach: Gott ist traurig, denn ihm hat euer Gesang gefehlt.

„Wieso d a s denn?“, fragte jeder Mönch. „Der junge Mann hat doch so einmalig schön gesungen.“
„Ja“, sprach der Engel, „aber des Fremden Gesang diente der Pflege sei­ner Eitelkeit. Ihr hingegen habt immer mit Euren Herzen gesungen.“

Das war den Mönchen eine Lehre. Fortan brummelten sie aus voller Keh­le den Ge­sang ihrer Herzen. Und jeder Ton war für Gott ein Ohrenschmaus.

So denke ich oft auch: Alles soll per­fekt sein. Vollkommen, nur keine Feh­ler. Und ich strenge mich an, leiste noch mehr, set­ze alles ein, was ich habe...

Kommt es wirklich darauf an?

In einem biblischen Wort heißt es „Ein Mensch sieht, was vor Au­gen ist; Gott aber sieht das Herz an!“
(1. Samuel 16, 7)

Für mich ist dieser Satz wie eine Be­freiung: Ich muss mich nicht verstel­len; ich muss mich nicht verbiegen. Gott sieht tiefer, sieht in die Mitte mei­nes Lebens.

Das Wort „Herz“ meint in der Bibel „die Mit­te eines Menschen“.

Und in der Tat: Da ent­scheidet sich, um was es geht: um un­aufrichtige Vollkom­menheit oder um auf­richtige Unvollkom­menheit.

Gott mag die aufrichtige Unvollkommen­heit. Darum war für ihn selbst das Ge­brummel der Mönche ein Ohren-
s­chmaus.

Thomas Härtel, Gemeindepastor